Der Standard: Maskenstudie von Cochrane vielfach falsch interpretiert
Der Standard: Maskenstudie von Cochrane vielfach falsch interpretiert
Einzelmeinung, unwissenschaftlich, oberflächlich
Einzelmeinung, unwissenschaftlich, oberflächlich

Faktencheck

Faktencheck: Wirksamkeit von Masken in der Cochrane Literaturrecherche

Der Standard behauptet, die derzeit in den sozialen Medien vielzitierte Cochrane Studie würde nicht belegen, dass Masken nicht gegen virale Infektionen schützen. Dies gehe aus der Analyse nicht hervor, da überwiegend Ergebnisse zu Influenza und zu SARS-CoV-1 analysiert worden seien, aber nur sechs Studien zu SARS-CoV-2, und auch diese nicht alle zum Thema Masken [1].

Die Autorin des Standard lässt dabei außer Acht, dass es sich bei SARS-CoV-1 ebenfalls um eine durch Corona-Viren verursachte Infektionskrankheit handelt und dass in den analysierten Studien zudem auch noch auf Infektionen mit weiteren Corona-Viren getestet wurde. Vier Studien mit teilweise sehr großen Stichprobenzahlen behandeln also die Schutzwirkung von Masken gegen Corona-Viren. Außerdem scheint die Autorin nicht zu wissen, dass das Darlegen der Grenzen einer Studie in der Wissenschaft ein Standardvorgehen ist, dass dieses aber keinesfalls die Studie als Ganzes infrage stellt. Weiterhin scheint der Autorin nicht bewusst zu sein, dass es sich bei den meisten analysierten Studien um Feldstudien handelt, welche so realistisch wie möglich sein sollen. Anwendungsfehler durch die Maskentragenden sind daher ein willkommener Nebeneffekt des Forschungsdesigns, denn die treten ja auch in der Realität auf und müssen daher berücksichtigt werden.

Die vom Standard geprüfte Literaturrecherche [2] fasst Ergebnisse aus mehreren Studien zusammen. Zwei Studien, die Infektionen mit und ohne Maskentragen vergleichen, wurden zu Covid-19 durchgeführt, eine davon in einem sehr großen Alltagssetting mit 178322 Probanden* in der Interventions- und 163861 in der Kontrollgruppe [3], eine weitere mit 2392 vs. 2470 Probanden [4]. Die erstgenannte der beiden Studien [3] zeige laut einer vom Standard zitierten Expertenmeinung klar positive Effekte durch das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes sowie von FFP2-Masken, auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant seien. In der Tat ergibt sich laut der Studie aber nur eine nicht signifikante** Reduktion der seroprävalenten, d. h. im Blut nachweisbaren Infektionen um etwa 0,8 %, wenn ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz getragen wird. Die andere Studie zur Infektionsreduktion von Covid-19 durch Masken fand zwar eine signifikante Reduktion der Infektionen, diese beträgt allerdings nur 0,4 % [4].

Die Autorin lässt weiterhin außer Acht, dass in einer weiteren Studie auch nur ein statistisch nicht signifikanter Einfluss des Maskentragens auf Infektionen mit anderen Corona-Viren gefunden wurde [5] und dass Stoffmasken das Infektionsrisiko mit verschiedenen Viren, darunter auch ältere Corona-Virenstämme, laut einer weiteren Studie sogar signifikant erhöhen [6]. Selbst wenn nicht erwiesen ist, dass sich diese Studienergebnisse auf Covid-19 übertragen lassen, ist es zumindest sehr wahrscheinlich, denn die Größe der SARS-CoV-1-Erreger unterscheidet sich nicht maßgeblich von der der SARS-CoV-2-Erreger [7, 9, 10].

Zwei weitere Studien [7, 8] zeigten laut Standard ebenfalls, wie gut Masken wirken würden. Was der Standard nicht erwähnt, ist, dass sich eine der Studien lediglich auf eine mathematische Modellierung stützt, nicht aber auf tatsächliche Messwerte [8]. Die zweite vom Standard erwähnte Studie, die übrigens von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) finanziert wurde, gibt an, dass derzeit noch gar nicht klar sei, ob sich Covid-19 überhaupt durch Aerosole verbreite, und prüft zudem überwiegend Studien aus eigenen Erhebungen der WHO [7]. Die Risikoreduktion durch das Tragen von Masken zeigte sich hier vor allem in medizinischen Einrichtungen, in denen N95-Masken getragen wurden, und eher weniger in Alltagssituationen [7].

Die richtige Anwendung der Masken ist, wie der Standard richtig sagt, natürlich ein Faktor, der die Wirksamkeit der Masken beeinflussen kann. Nichtsdestotrotz handelt es sich wie gesagt um eine Feldstudie; Anwendungsfehler geben schlicht die zu erwartende Realität wieder und sind daher erwünscht, denn umso eher lassen sich die Ergebnisse auf die reale Anwendung der Masken im Alltag übertragen.

Jede Studie untersucht zudem nur eine ganz bestimmte Stichprobe; die Ergebnisse aus dieser Stichprobe lassen sich nicht immer bzw. oft nur bedingt generalisieren, weswegen in jeder wissenschaftlichen Publikation standardmäßig darauf hingewiesen wird. Es handelt sich hierbei schlicht um „good scientific practice“***. Vor allem in einer Phase, in der wissenschaftliche Themen in großem Stil in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses rücken und sich auch Nicht-Wissenschaftler damit beschäftigen, ist es besonders wichtig, diese Dinge klar zu kommunizieren. Die Autoren werden damit lediglich dem Bildungsauftrag gerecht, den jeder promovierte Wissenschaftler hat; die Ergebnisse der Literaturrecherche sind entgegen der Unterstellung des Standard trotzdem verlässlich.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Tragen von Masken in medizinischen Einrichtungen das Infektionsrisiko mit Corona-Viren jeglicher Art reduzieren kann, in Alltagssituationen zeigen sich allerdings nur verschwindend geringe positive Effekte; Stoffmasken erhöhen das Infektionsrisiko sogar. Der Artikel des Standard liegt damit falsch: Maskentragen schützt allenfalls in einem medizinischen Umfeld vor Corona-Infektionen.

 

* Es sind immer alle Geschlechteridentitäten gemeint.

** Signifikant bedeutet: Das Rechenverfahren sagt aus, dass ein Unterschied oder eine Korrelation kein Zufall ist, dass es also irgendeinen Faktor als Ursache geben muss.

*** „Good scientific practice“, ist eines der Qualitätskriterien wissenschaftlichen Arbeitens, hierbei ist ein Standardbestandteil die Angabe der sogenannten „limitations of the study“, welcher bei den meisten wissenschaftlichen Arbeiten in der Diskussion als Einordnung des eigenen Vorgehens mit angegeben wird.

 

Quellen

[1] https://www.derstandard.de/story/2000143255964/faktencheck-maskenstudie-von-cochrane-vielfach-falsch-interpretiert

[2] https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD006207.pub6/full

[3] https://www.science.org/doi/10.1126/science.abi9069

[4] https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/M20-6817

[5] https://bmjopen.bmj.com/content/6/12/e012330

[6] https://bmjopen.bmj.com/content/5/4/e006577.full 

[7] https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31142-9/fulltext

[8] https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2110117118

[9] https://elifesciences.org/articles/57309.pdf

[10] https://arxiv.org/pdf/2105.11542

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Behauptung

Die in den sozialen Medien vielzitierte Cochrane Studie belegt, dass Masken nicht gegen virale Infektionen schützen.

Das sagt der Faktenchecker

Die Cochrane Studie würde nicht belegen, dass Masken nicht gegen virale Infektionen schützen. Dies gehe aus der Analyse nicht hervor, da überwiegend Ergebnisse zu Influenza und zu SARS-CoV-1 analysiert worden seien, aber nur sechs Studien zu SARS-CoV-2, und auch diese nicht alle zum Thema Masken.

Kritik am Vorgehen

Die Autorin des Standard lässt außer Acht, dass es sich bei SARS-CoV-1 ebenfalls um eine durch Corona-Viren verursachte Infektionskrankheit handelt und dass in den analysierten Studien zudem auch noch auf Infektionen mit weiteren Corona-Viren getestet wurde. Vier Studien mit teilweise sehr großen Stichprobenzahlen behandeln also die Schutzwirkung von Masken gegen Corona-Viren. Außerdem scheint die Autorin nicht zu wissen, dass das Darlegen der Grenzen einer Studie in der Wissenschaft ein Standardvorgehen ist, dass dieses aber keinesfalls die Studie als Ganzes infrage stellt. Weiterhin scheint der Autorin nicht bewusst zu sein, dass es sich bei den meisten analysierten Studien um Feldstudien handelt, welche so realistisch wie möglich sein sollen. Anwendungsfehler durch die Maskentragenden sind daher ein willkommener Nebeneffekt des Forschungsdesigns, denn die treten ja auch in der Realität auf und müssen daher berücksichtigt werden.

Check the Checker Faktencheck

Die vom Standard geprüfte Literaturrecherche [2] fasst Ergebnisse aus mehreren Studien zusammen. Zwei Studien, die Infektionen mit und ohne Maskentragen vergleichen, wurden zu Covid-19 durchgeführt, eine davon in einem sehr großen Alltagssetting mit 178322 Probanden* in der Interventions- und 163861 in der Kontrollgruppe [3], eine weitere mit 2392 vs. 2470 Probanden [4]. Die erstgenannte der beiden Studien [3] zeige laut einer vom Standard zitierten Expertenmeinung klar positive Effekte durch das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes sowie von FFP2-Masken, auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant seien. In der Tat ergibt sich laut der Studie aber nur eine nicht signifikante** Reduktion der seroprävalenten, d. h. im Blut nachweisbaren Infektionen um etwa 0,8 %, wenn ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz getragen wird. Die andere Studie zur Infektionsreduktion von Covid-19 durch Masken fand zwar eine signifikante Reduktion der Infektionen, diese beträgt allerdings nur 0,4 % [4].

Die Autorin lässt weiterhin außer Acht, dass in einer weiteren Studie auch nur ein statistisch nicht signifikanter Einfluss des Maskentragens auf Infektionen mit anderen Corona-Viren gefunden wurde [5] und dass Stoffmasken das Infektionsrisiko mit verschiedenen Viren, darunter auch ältere Corona-Virenstämme, laut einer weiteren Studie sogar signifikant erhöhen [6]. Selbst wenn nicht erwiesen ist, dass sich diese Studienergebnisse auf Covid-19 übertragen lassen, ist es zumindest sehr wahrscheinlich, denn die Größe der SARS-CoV-1-Erreger unterscheidet sich nicht maßgeblich von der der SARS-CoV-2-Erreger [7, 9, 10].

Zwei weitere Studien [7, 8] zeigten laut Standard ebenfalls, wie gut Masken wirken würden. Was der Standard nicht erwähnt, ist, dass sich eine der Studien lediglich auf eine mathematische Modellierung stützt, nicht aber auf tatsächliche Messwerte [8]. Die zweite vom Standard erwähnte Studie, die übrigens von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) finanziert wurde, gibt an, dass derzeit noch gar nicht klar sei, ob sich Covid-19 überhaupt durch Aerosole verbreite, und prüft zudem überwiegend Studien aus eigenen Erhebungen der WHO [7]. Die Risikoreduktion durch das Tragen von Masken zeigte sich hier vor allem in medizinischen Einrichtungen, in denen N95-Masken getragen wurden, und eher weniger in Alltagssituationen [7].

Die richtige Anwendung der Masken ist, wie der Standard richtig sagt, natürlich ein Faktor, der die Wirksamkeit der Masken beeinflussen kann. Nichtsdestotrotz handelt es sich wie gesagt um eine Feldstudie; Anwendungsfehler geben schlicht die zu erwartende Realität wieder und sind daher erwünscht, denn umso eher lassen sich die Ergebnisse auf die reale Anwendung der Masken im Alltag übertragen.

Jede Studie untersucht zudem nur eine ganz bestimmte Stichprobe; die Ergebnisse aus dieser Stichprobe lassen sich nicht immer bzw. oft nur bedingt generalisieren, weswegen in jeder wissenschaftlichen Publikation standardmäßig darauf hingewiesen wird. Es handelt sich hierbei schlicht um „good scientific practice“***. Vor allem in einer Phase, in der wissenschaftliche Themen in großem Stil in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses rücken und sich auch Nicht-Wissenschaftler damit beschäftigen, ist es besonders wichtig, diese Dinge klar zu kommunizieren. Die Autoren werden damit lediglich dem Bildungsauftrag gerecht, den jeder promovierte Wissenschaftler hat; die Ergebnisse der Literaturrecherche sind entgegen der Unterstellung des Standard trotzdem verlässlich.

Check the Checker Fazit

Das Tragen von Masken in medizinischen Einrichtungen kann das Infektionsrisiko mit Corona-Viren jeglicher Art reduzieren, in Alltagssituationen zeigen sich allerdings nur verschwindend geringe positive Effekte; Stoffmasken erhöhen das Infektionsrisiko sogar. Der Artikel des Standard liegt damit falsch: Maskentragen schützt allenfalls in einem medizinischen Umfeld vor Corona-Infektionen.

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